Der Schlachttag
Wie mir das Bild der aufgehängten Schweine an den Schlachttagen meiner Kindheit vor Augen tritt. Warum habe ich als Kind nie Bedauern oder Ekel bei den Schlachtarbeiten empfunden? Im Gegenteil, mit Feuereifer war ich dabei gewesen. Der Anblick eines aufgeschlitzten Schweines. Ausgenommen hängt es da, im Hof vor dem Stall.
Die Schlachttage meiner Kindheit. Das viele Blut, der Stich in den Hals, zuvor das Gequieke der Tiere in Todesangst. Mein Stolz, wenn ich an der ausströmenden Halsschlagader den Kübel halten durfte. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, kein Tropfen durfte verloren gehen und mit stetem Rühren war dafür zu sorgen, dass das Blut nicht gerönne. Dabei zuzusehen wie das Leben in starkem Strom auspulsierte. Der Geruch dabei.
Ich erinnere einen anderen intensiven Geruch beim Schlachten. Das Schweinepech. Es ist ein Pulver, mit dem das tote Schwein in einem Holztrog überstreut wird. Unter den Kadaver wurden zuvor zwei lange großgliedrige Eisenketten gelegt, deren Enden außen über den Trog herabhingen. Diese wurden nun von zwei kräftigen Männern, meinem Vater und dem Nachbarsbauern, erfasst, und sie zogen sie abwechselnd mit Wucht unter dem Schwein durch, so dass dessen willenloser Körper im sargartigen Holztrog hin und her geworfen wurde. Sie zogen die Ketten im selben Rhythmus wie zwei Holzarbeiter gemeinsam einen Stamm durchschneiden und wanderten währenddessen langsam der Länge nach am Trog entlang. Die Kette riss dabei, feinsäuberlich, jedoch mit einiger Gewalt, alle Borsten aus der Haut des Schweines. Rosig wurde sie dabei und überglatt. Das Schweinepech hatte einen beißend harzigen Geruch und besorgte wohl die leichtere Auslösung der Borsten aus deren Wurzeln in der Haut. Ein wohltuender Geruch. Er weckte auf.
Hing das Schwein dann nachher aufgeschlitzt am Haken, war das Aufregende schon vorbei. Es wurde nur noch der Länge nach in der Mitte durchgeschnitten. Wie weich das Schlachtermesser durch das Fleisch fuhr, sicher geführt von meinem Vater. Wo es nicht weiterging, kam kurz und effektiv das Beil zum Einsatz.
Das Beste aber am Schlachttag, war das Kesselfleisch. Auf dem Holzofen in der Küche der riesige Kessel. In ihm innere Organe, das ein oder andere kostbare Fleischstück und vor allem der ganze Kopf, kochend in Salzwasser. Dazu gab es frisches Brot.
Niemals habe ich an solchen Tagen irgendeine Regung gespürt, ich meine wie Mitleid oder Abscheu. Das Schlachten war im Gegenteil ein großes, freudvolles Ereignis zu dem viele Menschen kamen. Sie halfen, aßen mit uns Kesselfleisch, wie eine Art Erntedank kommt mir das heute vor. Ich glaube, es ist mir von Anfang an ins eigene Fleisch gelegt, Tiere nur als Bestand zu sehen, nicht als lebendige Wesen. Das hat bis heute im Grunde angehalten, obwohl mein Geist dagegen revoltiert. Im Herzen bin ich immer noch das kleine Mädchen, das beim Abstechen des Schweines den Ringelschwanz halten darf und dann voller Stolz die ehrenvolle Aufgabe anvertraut bekommt, das kostbare Blut aufzufangen und zu rühren. Später habe ich oft mit meiner Schwester um diese Position in der Rangordnung der Schlachtaufgaben gestritten.
Mein Vater machte selbst Wurst und Presssack. Die Därme wurden gewaschen und mit dem Wurstbrat gefüllt. Aus dem Fleischwolf quollen die zerkleinerten Fleisch- und Organteile. Ein Universum in Rot. Dunkel, hell, bläulich, ins Lila gehend und weiß. Weiß war das Fett. Der Duft von Majoran und erhitztem Blut erfüllte die Küche. Im Keller hatte mein Vater einen Selchofen gebaut, wo er den Schinken räucherte. Zuvor musste das Fleisch wochenlang in einem Surfass aus Holz eingelegt werden. Das stank. Irgendwie süßsauer und nach Wachholder. Vom Geruch des Essigs wird mir heute noch unwohl. Unser Schinken aber schmeckte wunderbar. Er war ganz und gar nach dem Geschmack meines Vaters komponiert.
Ja, die Schlachttage schillern aus dem Damals noch herüber zu mir. Sie waren Festtage. Sie bekräftigten die bäuerliche Lebenswelt und das Sein des Bauern als solchem. Man war stolz, dankbar und zum Feiern aufgelegt. Es floss kein Bier, sondern der wahrhaftigere klare Schnaps, in den ich auch den Finger stecken durfte und dann ablecken. Mein Vater, riesengroß, mit blutigen Händen, wie ein Kriegsgott, war wunderschön. Dass er mich an seiner Seite sein ließ, wenn er sein archaisches Werk verrichtete beglückte mich tief. Wie tief, das spüre ich erst heute.
Ich erinnere gar nicht, wo an jenen Tagen meine Mutter war. Mein Vater aber war die Welt. Ja, und mein Opa. Ihn erinnere ich auch, sein runzeliges Gesicht und das bis ins hohe Alter rabenschwarze Haar. Wie er „Salem ohne“ rauchte. Ich musste ihm die Zigaretten immer beim Wirt holen, denn es gab kein Geschäft in unserem Dorf. Der Bäcker brachte die Semmeln, Brezen und das Brot zweimal in der Woche mit dem Auto. Dienstag und Donnerstag. Sie lagen dann außen auf dem Fensterbrett aufgereiht und dufteten wunderbar. Manchmal habe ich vom frischen Brot heimlich ein kleines Stück Rinde herausgebissen. Der Opa also, er war im Krieg in Norwegen gewesen, der Opa bekam den Schnaps nur noch rationiert. Ein Glas am Tag. Das durfte ich ihm bringen. Wenn ich es vorsichtig die Treppe hinabtrug, blieb ich immer auf einer der unteren Stufen kurz stehen und nippte daran. Am Schlachttag aber wurde ihm der Schnaps nicht rationiert, und der Opa, wie männlich er da stand, ein Bein locker nach vorne gestellt auf der Haustreppe. Wie glücklich er war!
Jedoch, kein Zweifel kann bestehen, der Gott des Schlachttages war mein Vater. Die Gewissheit darüber, eine Art Boden meiner Welt, reicht bis in die Wurzeln meines Ursprunges hinab. Achthundert Jahre bäuerliches Existieren waltet in unseren Erbanlagen. Töten um zu überleben. Opfern. Das Blut, der Geruch der Gedärme, das Fleisch, das Lachen, die Freude, die Fülle.
Nur ein Moment war nicht schön. Wie mein Vater aussah, sein Gesicht, bevor er mit der Schlachtschusspistole in den Stall ging. Dorthin ..., dorthin hat er mich niemals mitgenommen.
Damals hab ich das nicht verstanden. Aber heute, heute ahne ich etwas davon.
14.Oktober 2012
Für meinen Papa.
Er wäre heute 72 Jahre alt geworden.
Übereignet meiner Mama am 27.09.2013,
zu ihrem 71. Geburtstag