O:27 „The Shadow of Your Smile“in meinem Ohr, Alkohol im Blut. Es ist spät. Nur Schatten, keine Menschen. Das trockene Licht meiner Schreibtischlampe. Eine Fruchtfliege stößt mit ihrem kleinen Körper unentwegt gegen die heiße Glühbirne. Immer wieder versucht sie die Arme! die Dumme! in die Birne einzudringen, denn Birnen sind ihre natürliche Bestimmung. Sie weiß nichts von Edison und dem elektrischen Wunder. Ihr leuchtet Nahrung, und dann hat sie das auch schon wieder vergessen. Ich sehe ihr zu, lange, ohne Hoffnung, bis sie, vor Erschöpfung wohl, auf den Schreibtisch niedersinkt. Wie öffnen sich Menschen. Denn sie sind meine Bestimmung. Ich verstehe mich nicht recht darauf. Würde gerne klug darüber reden, aber leider niente. Ich schaue die Fruchtfliege an, wie sie langsam auf dem Tisch dahin kriecht. Sie erholt sich, tankt Kraft für den nächsten Anlauf. Vielleicht bin ich gar nicht so anders als sie? Will öffnen, wo nichts zu öffnen ist. Stoße mir die sture Stirne wund oder ist es die Herzwand? verstehe es nicht, renne drauf los, erschöpfe mich, sinke auf den Grund, fliege wieder los, schwirre durch die Nacht. Aber was heißt Öffnen? Was soll das sein? Ich komme nicht drauf. Jemand öffnen? Mich öffnen? Die Glühbirne könnte ich nur auf bekommen, indem ich sie zertrümmere oder sie mit sanftem Druck anbohre. Am besten wäre wohl, mit Hilfe ganz zarten Sägens, das Gewinde vom Glas zu trennen. Nein, wartet mal, noch besser, in die Glühbirnenfabrik gehen und sie retten, bevor sie für immer verschlossen wird, einen kleinen Segelschoner hineinbauen. Ich lächle jetzt! Stelle mir vor, wie in einen Menschen ein Segelschiff hineinzubauen wäre. Das wäre doch auch eine Idee für den Menschen, oder? Ihn erreichen, bevor er sich verschließt. Etwas Schönes in die Mitte seiner Welt bauen, es verankern als Vorankündigung der Fahrt über alle Ozeane der Welt. Aber was, wenn der richtige Zeitpunkt dafür verpasst wurde? Zertrümmern oder Anbohren kann man Menschen nicht. Oder doch? Was bei Glühbirnen geht, lässt sich bei Menschen vielleicht auch versuchen. Oder ganz am Anfang der biologischen Existenz ansetzen? Ist nicht jeder Fall eine einzigartige Eizelle, in die die Spermien des Geschickes einzudringen versuchen, und nur eine schafft es, die schnellste! Wie willst du diese eine vorher unter den Millionen Gleichgesinnten herausfinden? Also, worum geht es eigentlich jetzt? Nun, vorgestern war da dieser Mensch, ein guter Mensch. Und ich, die gar nichts vorhersieht, nichts plant, ich kann nur wahr sein, versuchen, zu mir stehen, vielleicht dieses, mein Stehen, versammeln zu einem Ge-stehen, es sagen wie es ist. Hoffentlich kann ich das! Denn dafür müsste ich mich ja erst einmal selbst verstehen. Meinem Charakter jedenfalls liegt jede V o r g a n g s w e i s e so fern, wie einer Amöbe oder, um es nicht ganz so abwertend klingen zu lassen, einem Tier eben. Denn, das wissen wir aus Schule, Funk und Fernsehen ganz gewiss: Tiere denken nicht. In solch paradiesisch unhistorischem Zustand fand ich mich an diesem Tage vor dem gestrigen wieder. Dieser Zustand ist von der Art, dass in ihm befindlich dem Menschen kein historisches, sprich erinnerndes Bewusstsein reflektierend existiert und damit auch keine Zukunft. Es ist das ewige Jetzt. Und in ebensolchem, unhistorischen Zustand habe ich, auf die Spitze einer Wahrheitswoge getrieben etwas gesagt. Sagen aber ist Machen. Ich habe somit etwas gemacht. Vielleicht habe ich sogar Schluss gemacht. Ich meine, Schluss wollte ich, in dem Sinn, nicht machen, natürlich. - Aber natürlich nicht! Es wäre aber unehrlich zu behaupten, ich hätte nicht gewusst, dass da aus der Ferne irgendein Tor ‚auf oder zu’ winkt. Genau hab ich es gewusst, sogar vielleicht - oder vielleicht auch nicht - damit spekuliert. Aber, als der Moment dann kam, an dem die Zeit sich zurückzog, ich also unhistorisch wurde, war nichts schwerer, weiter- oder ferner liegend, als zu denken. Im solcherart übersteigerten Jetzt bleibt uns nur ein Inne-Sein, es findet nicht in Begriffe, weil ohne Zeit ja der Apfel noch unversehrt am Baum der Erkenntnis hängt. Ich sagte es also, und als ich es sagte, war ich ganz da, g a n z d a. Den ganzen Abend über hatte es schon in meiner Stirn gewohnt, als Worthaufen, der sich zum Geständnis aufreihen wollte, im rechten Moment. Ich sah mir zu, wie ich ihm gegenübersaß, wie ich mit ihm lachte, wie wir immer wieder einander vorlasen, denselben Text, er heißt “die Abweisung“, wir redeten, stritten ein bisschen, lachten wieder. Ich sah uns an, wie er mich anfasste, wie ich seinem langen Blick nicht standhielt, wegsehen musste und ihm dann doch beide Hände auf die Wangen legte. Immer war es da. Entbergung, Verbergung. Das Vexierspiel des sich Öffnens und Verschließens, auch Liebe genannt. Beim Abschied, der ein vorübergehender hätte sein können, beim Abschied hab ich es gesagt, mutvoll, denn es drängte unbedingt nach draußen, zu ihm hin, denn er war doch draußen, oder? Er war doch draußen. Was aber, wenn es kein Innen gäbe, und folgerichtig dann auch kein Außen? Was aber, wenn das Subjekt eine Illusion wäre, wenn sie Welt in Individuen zertrümmert da läge, Trümmer, die alle zum Licht wollten? Denn im Licht wird es offenbar. Und wie bei allen Offenbarungen geht es dabei immer nur um das Eine. Der Evangelist Johannes hat es, dies Eine, vielleicht am tiefsten verstanden. Das Wort. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott! Und das Wort war Gott. Worte. Messer sind sie. Heilig sind sie. Schneiden Menschen auf, Schneiden Geschwüre heraus, schneiden Menschen voneinander ab, durchtrennen Blicke und sich festhaltende Hände, selbst wenn diese sich nur vorstellen, sich festzuhalten und es doch noch gar nicht tatsächlich tun... Worte. Messer sind sie. Einmal zum Beispiel hatte ich ein solches Messer bei mir. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich dazu gekommen war. Wir wollten spazieren gehen, dieser Mensch und ich. Aber dabei hat ein Messer nichts zu suchen. Also versteckte er es für mich. Es sollte gut aufbewahrt sein, damit ich es unversehrt wieder an mich nehmen könnte, später. Nach einigem Hin und Her schob er es unter die Verkleidung eines Ofens. Ich weiß nicht, ob es zusammenhängt, aber in dem Moment fielen die Fassaden aller Häuser um uns und wundersame Gebilde kamen darunter zum Vorschein. Nun aber - übermorgen ist es heute schon - hatte ich etwas getan, was unsere Begegnung fürs Erste in einer Art geheimnisvoller Dialektik schloss, ich werde es getan haben im Bewusstsein dieses Risikos, aber tollkühn, wie alle, die sich vermessen zu denken, solcher Mut müsse doch vom Glück unterstützt werden. Wie arm sind wir Menschen doch, dass wir zur Wahrheit Mut brauchen. Die Götter aber rufen mich, weil sie Worte sind. Natürlich. Worte sind sie, die Ewigen, sie warten, sie walten. Ihr Denken ist nichts als ein Währen. Daher kehrt das Gleiche ewig wieder und frei wird nur, wer hört, wer sich in die Zeit stürzt und es aushält, sich entschließt, die ewige Wiederkehr als Mensch in der Zeit durchzustehen. Aber ich will das noch nicht ganz kapieren, beiße mich fest mit den Zähnen im Geschick, verwende das Messer, ich will nicht. Ich wehre mich. Fuck the destiny! Ich will nicht mehr warten. Ich schneide, ich spreche, ich schneide eine Sie aus mir heraus, ich schneide sie mir zurecht. Ich stelle sie auf die Tastatur, schaue sie mir an. Fasse nach meiner Rippe. Alles noch da. Sie, nun, frisch geschaffen, entscheidet an diesem Abend, der die Lebenden beneidet, entscheidet sich, vom Konjunktiv in den Indikativ zu gehen. Keine Metapher, kein Agieren, keine Möglichkeitsform mehr. Es sagen, wie es ist und damit alles. Es sagen, heißt alles sagen, wie es ist und nur sich selbst anzugehören, von Grund aus. Sie macht es. Sie sagt es. Sie sagt: ... 0:57 Copyright: Charlotte Spitzer, 26.September 2014 Dank an Kleist, Heidegger und Nietzsche für ihre Gedanken!