Wie es wohl sein mag, nur vermittels einer roten Krawatte sichtbar zu werden?
Du singst, „ergieße dich Freundchen, ergieße dich“. Du singst es zu deiner eigenen Melodie, während du in Prag über die steinerne Brücke gehst.
Wie sich mein Gesicht im Löffel spiegelt
Die Frau trägt den Daunenmantel wie ein Ballkleid.
Jiddisch. Dieser Sprache aus der weiten Ferne des Gewesenem herübergeborgen, der Liebe und Schläue, der Verlautbarung reiner Gutherzigkeit lauschen.
An Kafkas Grab Das Sich-Zeit-Lassen, den Ort in kleinen Schlucken trinken, die Weite des Platzes in sich errichten, den Stein setzen, nicht zu gewaltig, aber fest. Deine Lage erspüren, den Sarg denken, dein Liegen in Überresten, fast zärtlich zerfallen. Die Stirne deines Schädels küssen. Einen Augenblick das Gefühl als wüchse deinem Knochengerüst ein gewaltiges Herz in der Brust, einen einzigen Schlag lang. Rundherum fliegen die Blätter auf.
Durch uns Menschen geht ein Loch Gestern traf ich eine Frau. Sie kam gerade aus dem Theater. Ihr Gesicht war abwesend, wie immer noch dort, aber sie erzählte mir, das Stück, das sie gesehen hatte, hätte von einer Reise in den Anus gehandelt. Von einer Reise in den Anus! Aber niemand hätte es bemerkt, sie meinte, bemerkt, dass es allein darum gegangen wäre. Alle, auch die Verfasser des Programmzettels, wären fehl in der Annahme gegangen, irgendwann in dem Stück würde im übertragenen Sinne in einen Anus gereist und das wäre natürlich, wo kämen wir den sonst hin, symbolisch gemeint. Das Gesicht meiner Begegnung, also das Gesicht dieser Frau, war noch dort, wohin das Stück sie gebracht hatte, und deshalb erschien es mir in seinem Ausdruck abwesend, obwohl es mir zugewandt war. Nun ja, keine leichte Sache! Es liegt wohl an den Augen. „Wir sind im Arsch“, sagte sie. In dem Stück sei es um Menschen gegangen, um Soldaten, um Verlierer des Kapitalismus und um jene, die noch gar nichts kapiert hätten, selbst wenn sie über und über mit Scheiße beschmiert waren. Das Schicksal zweier armer Schlucker aus Mogadishu, der eine wird Fischer, der andere, weil in den leer gefischten Gewässern nichts mehr zu holen ist, man auf den Grund derselben schauen kann und durch das ungeheuer klare Wasser sehen, dass dieser Grund aus Wut besteht, entscheidet sich, Pirat zu werden. Man kann das dort auf der Uni studieren! Erfahren konnte das die Frau im Theater nur, weil dieser Pirat, natürlich längst geschnappt, in einem Hamburger Gericht, eine Verteidigungsrede hielt, die sich der Autor des Stückes entweder ausgedacht oder selbst angehört, jedenfalls aufgeschrieben hatte. Aber das alles führt ja jetzt ganz woanders hin. Es ging ja eigentlich darum, diese Reise in den Anus zu erzählen. Zuerst einmal durchzieht ja den menschlichen Körper eine Art Schlauch von oben bis unten, zumindest durch Nase, Mund, den Hals hinab über den Magen in den Darm führend und im Anus - am Ende und am Anfang des Schlauches, sieht es ja aus wie ein Loch - endend, oder wenn man so will, geradesogut beginnend. Nun. Diese Idee habe ich nicht von der Frau, die ja noch mitten drin irgendwo steckte, sondern von einem Menschen, der nicht mehr mein Freund ist, und dem ich deshalb nicht in die Ehre erweisen will, seinen Namen zu nennen. Aber so ehrlich will ich immerhin sein, zuzugeben, dass mir dieser Einfall, den Menschen durchziehe ein langes Loch, nicht selber gekommen ist, sondern von diesem Menschen, der nicht mehr mein Freund ist, zugeflüstert worden war, in jenen Tagen, wo wir das noch taten, ich meine, Flüstern miteinander. Aber sei’s drum! Ich habe kein schlechtes Gewissen. Viele Ideen, die unsere Gedanken beflügeln, haben wir nicht selbst, sondern sie sind uns von anderen geschenkt. An uns ist es ja, sie weiterzudenken. Und das machte ich, auf der Straße, an diesem lauwarmen Abend, als mir die Frau mit dem abwesenden Blick von der Reise in den Anus erzählte. Was ist nun, erlaubte ich mir, als wir schweigend da standen und darauf warteten, dass sie Zeit verging und die doch etwas unangenehme Situation, was ist nun das Wesen eines Schlauches? Welcher Gestalt ist sein Inneres? Sind Schlauch und Inneres eine Gestalt. Führt das nun aus diesem Text weg? Ins Nichts vielleicht sogar? Ins Nichts? Ist nicht, wenn ein Schlauch nicht gefüllt ist, nichts darin? Nichts. Was nennen wir Nichts? Ich meine, sowohl das „Nichts“ groß geschrieben als auch „nichts“ kleingeschrieben. Das alles überlegte ich mir und fühlte diese wohlbekannte Unwilligkeit in mir aufsteigen, die sich immer breit machen will, wenn meine Gedanken zu komplex für meine Denkkapazität werden. Da fährt mein vernünftiger Karren an die Wand und die Seele geht alleine weiter, was meistens ein Geschenk ist, weil sie ja viel klarer sehen kann, als die Vernunft. Da schriebe ich folglich am besten ein Gedicht. Das würde dann niemand verstehen, aber ich fühlte mich von dem Gedicht verstanden. Das würde helfen. Sogar sehr! Die Ampel, an der hatten die Frau und ich (ich bin übrigens auch eine Frau. Nur allein dadurch, dass Ihnen oder Euch nun eine Frau, nämlich ich, die Geschichte in der Ich-Form vorliest, müsste ja noch lange nicht, heißen, dass das Ich in dieser kleinen Geschichte eine Frau wäre, oder?!) Also das weibliche Ich, das nicht ich bin, und die Frau mit dem abwesenden Gesicht standen an der Ampel, die nun grün wurde. Beide gingen los, trugen dieses Loch, welches ihre Körper von Mund zu Anus durchzog, über die Straße. Eigentlich, geometrisch betrachtet, ist der menschliche Rumpf ein Kringel, denn er hat in der Mitte, ein vertikal verlaufendes Loch, welches sich so lange erstreckt, dass man es Schlauch nennen kann. Es birgt, wenn man es über die Straße trägt, und die Ampel grün ist (auch bei Rot wäre es allerdings so) Flüssigkeiten und sich auflösende Nahrung in ewiger Dunkelheit. Aber gehört das Innere dieses Schlauches streng genommen zu unserem Körper? Ist es ein umschlossenes Nichts oder ist es Welt? Ist die Luft in einem Tunnel Tunnel oder ist sie Welt? Ist es so etwas wie das Fremde? Wir tragen also in unserem, so empfundenen, tiefsten Inneren eine Fremde, eine Leere, einen Raum, der nicht unser Körper ist, strenggenommen, meine ich? Die Frau mit dem abwesenden Gesicht, sprach jetzt. Sie erzählte von einer Reise durch den Regenwald, an den Arsch der Welt, in den Arsch der Welt. Das Stück hätte kein Ende gehabt, deshalb sei sie noch dort. Sie ärgerte sich, dass es kein Ende gegeben hatte, denn dann ließe sich so schwer eines finden. Man müsse viel länger im Stück bleiben, weil es uns nicht entließe, wir müssten es selbst, ganz allein wieder hinaus schaffen. „Aber es ist ja nur ein Stück, ein Text“, sagte sie schließlich und glaubte, dass sie damit etwas sagte. Aber, was sie damit sagte, war nichts Wesentliches. Sie sagte es, als dächte sie, der Text sei etwas Gemachtes, und die Frau kehrte mir jetzt das Gesicht zu und wurde anwesend. Wie das ging, kann ich nicht sagen. Sie meinte: „Ich bin der Text“. Und ich nickte, während sie sich bereits zum Gehen wendete. „Das wird aber sehr schwer werden!“ rief ich ihr noch freundlich hinterher. Dabei dachte ich an das gute Gefühl, wenn der Stuhl leicht in großen Mengen abgeht und wie ich eines Tages aus Übermut, vielleicht damals noch, die volle Kloschüssel fotografiert hätte. So eine Freude hätte ich mit dieser Leistung gehabt. Aber auf dem Foto wäre es nur ekelhaft gewesen. Die schönsten Dinge kann man eben nicht fotografieren! Kafka sagt, Geständnisse würden umso klarer, wenn man sie widerriefe. Das tue ich hiermit und möchte es dabei belassen.